.:lebenswaise:.

von woelfen und schafen und anderen ueberfaellen des taeglichen lebens



Archiv
Kontakt

Abonnieren
RSS-Feed

Das Jahr danach

Die Drohung, dass mich das reale Leben da drauszen, also das mit der Sonne und den duftenden Blumen und dem glitzernden Schnee und dem blinkenden Meer, ein- und ueberholt haette, war nicht wirklich aus der Luft gegriffen. Seitdem hat sich fast das ganze Leben umgekrempelt, es gab Dutzende wunderschoener Konzerte, rauschende Feste und all die vielen Genuesse, deren das Leben einem eben so reichhaltig zur Verfuegung stellt.

Aber nachdem ich inzwischen desoefteren gefragt werde, wie es denn meinem Blog ginge, war der Antriebsmoment grosz genug, um einen frischen Artikel zu schreiben.

Eigentlich einen Artikel, der hier auf den ersten Blick vielleicht verwirrend einsortiert erscheinen mag, blickt er doch nicht wie sonst ueblich auf Konzerte zurueck. Genau genommen handelt es sich um eine Buchreflektion.

Vor kurzem hatte ich die wunderbare Gelegenheit, Richard Powers' "Der Klang der Zeit" (ISBN 3-596-15971-7) lesen zu duerfen. Empfohlen wurde es mit der Anmerkung "Wenn du dich fuer Musik interessierst, ist das bestimmt was fuer dich." Nun - es "ist was fuer mich". Allerdings haette ich nie erwartet, das zu lesen, was ich letztlich kaum aus der Hand legen konnte.

Die Geschichte spielt in den Vereinigten Staaten des letzten Jahrhunderts, sie erzaehlt die Geschichte einer Familie. Einer farbigen, einer juedischen, einer wirklich gemischten Familie. Dabei reihen sich viele Einzelepisoden aneinander, ergaenzen sich wie die Steine eines Mosaiks, dessen Motiv und Schoenheit sich erst erschlieszt, nachdem man wirklich alle Steine beisammen und richtig geordnet hat.

Und obwohl die Schoenheit beeindruckend ist, ist die Beklemmung, die sich mit jeder Seite staerker einstellen will, kaum zu verleugnen. Seelenvoll zeichnet Powers in seinem Buch die Schwierigkeiten und Probleme, die massive Rassendiskriminierung und teilweise unbarmherzige Verfolgung der Protagonisten, ihrer Eltern und Kinder. Dabei bewegt sich sein Stil zwischen Fast-Fantastik und Reportage, laesst kaum Luft zum Atmen, laesst sich verfolgen und ist doch zugleich selbst Verfolger des Lesers.

Den Rahmen um all dies bildet die Musik. Sie entfremdet Menschen, sie fuehrt sie zueinander, schenkt ihnen in gleichem Masze Verstaendnis und Liebe als auch Ablehnung, zeugt Freude so gut wie Neid und Missgunst. Die Protagonisten erfahren durch die Musik so viel Glueck und Leid, dass man als Leser nicht anders kann, als den Emotionen zu folgen, voller Betroffenheit und Mitgefuehl.

Dennoch verliert man nicht einen Moment die Tatsache aus den Augen, dass die Geschichte erzaehlt wird aus einer Perspektive der Traurigkeit und des Rueckblicks, einer Perspektive, die unaufhaltsam einem grausamen Ende entgegen strebt.

Richard Powers erzaehlt so weit abseits des gewohnten Mainstreams, mit einer solchen Inbrunst und Intensitaet, dass man nicht einen Moment zoegern moechte, um sich mit dem Schicksal der Familie auf jeder folgenden Seite vertraut zu machen, mit ihnen zu durchleben, was an Faehrnissen auf sie zukommt.

Doch so perfekt die Geschichte selbst erzaehlt wird, so beklemmend ist sie in ihrer Reflektion. Der tiefe, religoes und durch die Hautfarbe bedingte Zwist und Bruch zwischen Eltern und Kindern dreier Generationen einer Familie zeigt in seinem ganzen Verlauf die Dramatik der Entwicklung in den Vereinigten Staaten, und fuehrt vor Augen, was den meisten europaeischen Lesern wohl nicht gelaeufig sein wird: Die erschreckenden Ausmasze des Rassenhasses im Lande der Freiheit.

Am Ende bleibt der Leser zurueck mit einer Fuelle eigener Gedanken und Empfindungen, mit einer Fuelle eigener Sehnsuechte und Traeume, die sich wohl bei dem einen oder anderen vor dem Hintergrund des gerade gelesenen einen neuen Platz im eigenen Wertegefuege suchen werden.
21.8.07 18:53
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen

Gratis bloggen bei
myblog.de