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Kluge Worte zur Schreiberszunft

Was könnte er aber als Gelehrter für ein anderes Bedürfnis haben, als seinen Geist durch alle nützliche Kenntnisse aufzuklären, und wenn er findet, daß er erleuchteter ist als andere, was folget natürlicher darauf als die Absicht, anderen seine Kenntnisse mitzuteilen, das heißt, ein Schriftsteller zu werden.


Wenn man beruecksichtigt, dass das Zitat aus Friedrich Nicolais "Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker", hrsg. von Fritz Brueggemann, stammt, ist man wohl ein wenig verwundert. (Ja, das Original ist noch ein klitzekleinwenig aelter.) Verwundert vor allem ob der idealistischen Weltsicht, die literarisch vorzufinden man wenig erwartet und doch automatisch selbst den Schreiberlingen zu unterstellen geneigt ist.

Nichtsdestotrotz holt uns selbiges Werk wenige Zeilen spaeter wieder auf den Boden der Tatsachen zurueck. Beruhigend, dass es auch "frueher" nicht besser war denn heute.

Diese Folge scheint so natürlich, gleichwohl muß sie nicht notwendig sein; denn gewiß sehr viele Schriftsteller haben nicht daran gedacht, ob ihr Geist aufgeklärt genug sei, noch weniger, ob er aufgeklärter sei als der Geist anderer Leute: und gleichwohl sind sie Schriftsteller in bester Form und, wenn Zeitungslob und Eigenlob etwas gilt, große, berühmte Schriftsteller.


An anderer Stelle finden wir einen weiteren Verweis, der nahelegt, dass auch Kurt Tucholsky Friedrich Nicolai gelesen haben duerfte - zumindest im direkten Vergleich sind die beiden Textstellen recht nahe beieinander:

Magister: Und rechnen Sie immer auch den größten Teil der ungeheur großen Anzahl von Büchern ab, mit denen vermittelst unserer Übersetzungsfabriken Deutschland überschwemmt wird.
Sebaldus: Habe ich recht gehört? Übersetzungsfabriken? Was soll denn das bedeuten?
Magister: Fabriken, in welchen Übersetzungen fabriziert werden: das ist ja deutlich.
Sebaldus: Aber Übersetzungen sind ja keine Leinwand, keine Strümpfe, daß sie auf einem Stuhle gewebt werden können.
Magister: Und doch werden sie beinahe ebenso verfertigt, nur daß man, wie bei Strümpfen, bloß die Hände dazu nötig hat, und nicht, wie bei der Leinwand. auch die Füße. Auch versichre ich Sie, daß keine Lieferung von Hemdern und Strümpfen für die Armee, genauer bedungen wird und richtiger auf den Tag muß abgeliefert werden als eine Übersetzung aus dem Französischen: denn dies wird für die schlechteste, aber auch für die gangbarstre Ware in dieser Fabrik geachtet.
Sebaldus: Alles, was Sie mir sagen, ist mir unerhört. Also gibt es unter den Übersetzungen und unter den Übersetzern auch wohl einen Rang oder Unterschied.
Magister: Allerdings! Ein Übersetzer aus dem Engländischen ist vornehmer als ein Übersetzer aus dem Französischen, weil er seltener ist Ein Übersetzer aus dem Italienischen läßt sich schon bitten, ehe er zu arbeiten anfängt, und läßt sich nicht allemal den Tag vorschreiben, an dem er abliefern soll. Einen Übersetzer aus dem Spanischen aber findet man fast gar nicht. Daher kömmt es auch, daß zuweilen Leute aus dieser Sprache übersetzen, wenn sie sie gleich nicht verstehen. Übersetzer aus dem Lateinischen und Griechischen sind häufig, werden aber gar nicht gesucht: daher bieten sie sich mehrenteils selbst an. Außerdem gibt es auch Übersetzer, die zeitlebens gar nichts anders tun als übersetzen; Übersetzer, die ihre Übersetzungen in Nebenstunden zur Erholung machen, wie die Frauenzimmer die Knötchenarbeit, Marly und Filet; vornehme Übersetzer: diese begleiten ihre Übersetzungen mit einer Vorrede und versichern die Welt, daß das Original sehr gut sei; gelehrte Übersetzer: diese verbessern ihre Übersetzungen, begleiten sie mit Anmerkungen und versichern, daß das Original sehr schlecht sei, daß sie es aber doch leidlich gemacht hätten; Übersetzer, die durch Übersetzungen Originalschriftsteller werden: diese nehmen ein französisches oder englisches Buch, lassen Anfang und Ende weg, ändern und verbessern das übrige nach Gutdünken, setzen ihren Namen keck auf den Tittel und geben das Buch für ihre eigene Arbeit aus. Endlich gibt es Übersetzer, die ihre Übersetzungen selbst machen, und solche, die sie von andern machen lassen. [...]


Tucholski schreibt:

Was wird übersetzt? Neben der Übertragung wichtiger und bedeutsamer Erscheinungen neuer und alter Zeit: wahlloser Krimskrams. Liest man so die gängige Marktware des Übersetzungshandels, so muß man doch fragen, ob wir solchen Kitsch nicht auch zu Hause fabrizieren. Und man muß antworten: wir können das sogar viel besser, weil nämlich die deutsche schlechte Literatur für Deutsche berechnet ist und hier wenigstens wirkt.[...]
Wie wird übersetzt? Nicht sehr schön. Es ist das ja eine schwere Sache, das ist wahr, und man kann sehr darüber streiten, wie eine ideale Übersetzung eigentlich aussehen soll. Soll die fremde Sprache hindurchschimmern? Soll der Sprachenkundige noch durch den Teig der Übersetzung, womit sie farciert ist, hindurchschmecken? Soll er Redewendungen anklingen hören? Den fremden Pulsschlag noch leise fühlen? Das ist die eine Möglichkeit. Oder soll sich die Übersetzung glatt lesen, so daß es ein Lob bedeuten soll, wenn einer sagt: "Man merkt gar nicht, daß das hier übersetzt ist." Das ist die andre Möglichkeit. Eines aber kann man verlangen: daß der Übersetzer beider Sprachen mächtig ist. Nicht immer ist ers.
Ich will noch gar nicht einmal davon reden, daß sich in einer Pariser Posse, die hier in Berlin läuft, die Personen mit "Mein Herr" anreden - was ja wohl in einer Gesellschafts-Konversation nicht gerade üblich ist. Aber schon Christian Morgenstern merkte in seinen herrlichen "Stufen" an, daß der deutsche Übersetzer holprig und fremd daherstelzt und, wenn er vertraulich tut, die dummen Modewörter seiner Alltagssprache gebraucht, wobei er sich denn auch noch meistens verhaut und so derb wird, wie es drüben, in angelsächschischen und lateinischen Ländern, nicht immer der Brauch ist. Man muß eben nicht nur ein Lexikon, man muß auch Fingerspitzen haben. Die meisten haben noch nicht einmal ein Lexikon.[...]


Etwas über hundert Jahre zwischen beiden - und doch ist das Urteil gleich vernichtend und einander nicht unaehnlich formuliert. Und heute? Noch einmal fast 80 Jahre spaeter?
31.1.08 16:52
 


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